Boomer mit Ballkleid

Ich werde völlig zu Recht beschimpft. Ich bin ein Boomer, ein Babyboomer, also einer, der in den geburtenstarken Jahren von 1946 bis 1964 geboren wurde und deshalb am Elend dieser Welt schuld ist. Meine Boomerfreunde und ich haben absichtlich weit über unsere Verhältnisse gelebt und dadurch alles zerstört. Wir haben täglich riesige Mengen Fleisch gegessen, manchmal zum Frühstück schon eine Stelze, unsere benzinbetriebenen Autos hatten mindestens 90 PS und wir sind oft geflogen. Fast wöchentlich. Einfach so. Ein kurzer Städtetrip oder nach Hawaii. Kurz gesagt: Durch unseren Konsumrausch ist die Erde dem Untergang geweiht. Wir haben den nächsten Generationen die Zukunft geraubt. Dabei haben wir die Erde nur von unseren Kindern geliehen. Dazu kommt, dass wir nie etwas geleistet haben. Uns wurde alles geschenkt. In einem Land, in dem Milch und Honig geflossen sind. Jeder einbeinige Kriegsversehrte bekam eine Trafik, um in Saus und Braus leben zu können. Stress ist erst gar nie aufgekommen. Bei jeder Prüfung wurde man durchgewunken, egal ob Lehrabschluss oder Matura, jeder hatte einen gut bezahlten Job und falls nicht, konnte man mit der Arbeitslosenunterstützung einen Bungalow bauen und dann auch noch in Frühpension gehen. Eine Frau aus Hollabrunn, eine gewisse Johanna Mikl-Leitner, hatte sogar zehn Ballkleider. 

Jetzt passt einmal auf, ihr Fetzenschä…ihr Klugscheißer der Generationen Y und Z. Ihr geht mir massiv auf die Ei…auf die Nerven. Unsere Eltern, und dadurch auch wir, hatten nichts verglichen mit den Segnungen, die den meisten von euch bereits als Kinder in Österreich zuteilwerden. Alles aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Ihr glaubt, uns wurde alles geschenkt? Alles war einfach und selbstverständlich? Ihr habt keine Ahnung. Noch in den 1970er-Jahren mussten Frauen die Erlaubnis ihrer Männer einholen, wenn sie arbeiten gehen wollten. Und sie durften maximal drei Ballkleider haben. Homosexualität und Abtreibung waren verboten. Während unserer Schulzeit wurden noch Ohrfeigen verteilt. Samstag war Warmbadetag. Unser Klo war in Indien, also jenseits des Ganges und anstelle eines Handys hatten wir einen Viertelanschluss mit Wählscheibe. Eine Reise mit den Eltern im VW-Käfer nach Italien war eine Sensation. Erst ab den späten 70er-Jahren konnten sich manche eine Flugreise leisten. Nach Mallorca vielleicht. Aber die Reise ist nicht vom Himmel gefallen, die wurde erarbeitet. Stress und Burnout wurden von uns erfunden. Und ja, wir hatten auch Glück. Und wesentlich bessere Politiker als heute. Das werft ihr uns also vor? Dass wir in einer guten Zeit gelebt haben? Dass wir es genossen haben? Dadurch haben wir euch eurer Zukunft beraubt? Echt jetzt? Ihr hättet es an unserer Stelle ganz genauso gemacht. In einer Sache habt ihr es heute aber wesentlich besser als wir seinerzeit. Wir durften in der ÖBB nicht scheißen, solange der Zug im Bahnhof stand. Also bleibt mir weg mit eurer selbstgerechten Weinerlichkeit, nur weil einige von euch nichts auf die Reihe bekommen.

Bewertung: 4.5825242718447 Sterne
103 Stimmen

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Mario
Vor 5 Tage

Punktlandung...so wahr!! Bravo!!

Roma
Vor 6 Tage

Auf den Punkt gebracht, und: weit weg von Satire Danke!
Ein Boomer

Wolfgang Lehmann
Vor 2 Monate

Wenn die Pointe - der Witz am Schuss nicht der Spiegel wäre ...

Wolfgang Lehmann
Vor 2 Monate

... was für eine Punktlandung, danke. Konnte ob dem Ernst nicht lachen. Aber Satire darf auch dazu anregen, nachdenklich zu sein. Wirklich sehr analytische Darstellung.

Wolfgang Lehmann
Vor 3 Monate

Es tut gut und macht echt sehr großen Spaß über die an und für sich ernste Angelegenheit einmal herzlich lachen zu können.

Markus Mülneristch
Vor 3 Monate

Was schwimmt im Bodensee und hat keine Zähne mehr? Die Laura nach dem gescheiterten Versuch einen Gsibergerwitz zu erzählen...

Christoph Brenner
Vor 4 Monate

NUR SO WEITER ! 👍
Macht sehr viel Spaß !
„HUMOR IST WENN MAN TROTZDEM LACHT“
Beste Grüße CB

Elfriede
Vor 4 Monate

Jo so sans...

manuela krennbauer
Vor 4 Monate

Ich lach mich scheckig,aber die Familie Putz darf man auch nicht vergessen.

Sabine Eckhart
Vor 4 Monate

Sehr geehrter Herr Ravensreiner !
Ich befürchte die Kuh Christina aus dem oben genannten Werbespot ist ein Ochs. 😁
Liebe Grüße
Sabine Eckhart